Stellen Sie sich vor, Sie stehen mitten in Ihrem zukünftigen Haus - noch bevor der erste Stein liegt. Sie sehen, wie das Licht am Nachmittag durch das Wohnzimmer fällt, spüren, ob die Treppen zu steil sind, und erkennen, dass die Lüftungsrohre direkt durch die Wand des Badezimmers laufen. Das ist keine Science-Fiction. Das ist virtuelle Begehung - und sie verändert den Baualltag grundlegend.
Was ist virtuelle Begehung wirklich?
Im Gegensatz zu alten 2D-Plänen, bei denen Architekten und Bauherren oft aneinander vorbeireden, zeigt die virtuelle Begehung genau, was gemeint ist. Ein Bauherr sieht nicht nur, dass die Küche „groß“ ist - er merkt, dass der Kühlschrank die Tür zum Essbereich blockiert. Ein Installateur erkennt, dass die Heizungsrohre mit den Elektrokabeln kollidieren - und das, bevor der Beton gegossen wird.
Wie funktioniert 4D-BIM?
Ein normales BIM-Modell ist dreidimensional: Länge, Breite, Höhe. Aber was ist mit der Zeit? Genau hier kommt 4D-BIM ins Spiel. Die vierte Dimension ist der Zeitplan. Sie verknüpfen das 3D-Modell mit dem Bauprozess - also mit den Daten aus MS Project oder Primavera P6. Plötzlich sehen Sie nicht nur das fertige Haus, sondern wie es entsteht: Tag für Tag, Woche für Woche.
Stellen Sie sich vor: Sie sehen, wie die Fundamente am 15. März gegossen werden, die Stahlträger am 22. März montiert werden und die Fassade am 10. April angebracht wird. Jeder Schritt wird visualisiert - mit einer Genauigkeit von 15 Minuten bis 24 Stunden pro Schritt. Das ist kein Spiel. Das ist Planungssicherheit. Laut einer Studie der RWTH Aachen funktioniert die Kollisionsprüfung bei korrekter Modellierung mit 98,7 Prozent Treffsicherheit. Das bedeutet: 98 von 100 Konflikten zwischen Gewerken werden vor Baubeginn erkannt.
Was brauchen Sie dafür?
Nicht jeder braucht eine teure VR-Brille. Aber wer ernsthaft plant, braucht mindestens drei Dinge: ein BIM-Modell im LOD 300, eine Software, die es in VR umwandelt, und Hardware, die es anzeigt.
LOD 300 bedeutet: Das Modell enthält nicht nur die Form der Wände, sondern auch Materialien, Abmessungen und Herstellerangaben. Ohne das ist die virtuelle Begehung wie ein Auto ohne Motor - es sieht gut aus, aber es fährt nicht. 43 Prozent der BIM-Modelle in der Praxis haben diese Daten noch nicht - ein gravierendes Problem, wie Dr. Lena Schmidt von NUPIS betont.
Die Software? Die meisten Profis nutzen Autodesk BIM 360 oder Unity Reflect. Beide konvertieren IFC-Dateien (ISO 16739:2013) in Echtzeit in VR-Umgebungen. Unity Reflect hat bei Nutzern 4,2 von 5 Sternen - aber 32 Prozent klagen über lange Ladezeiten bei Modellen über 500 MB.
Die Hardware? Für professionelle VR-Begehungen brauchen Sie mindestens eine Oculus Quest 3 (ab 599 Euro) oder eine HTC Vive Pro 2 (ab 1.299 Euro), gekoppelt mit einem leistungsstarken PC: Intel Core i7-12700, NVIDIA RTX 4070, 32 GB RAM. Eine voll ausgestattete VR-Station kostet mindestens 3.500 Euro. Das ist teuer - aber im Vergleich zu 220.000 Euro Nacharbeiten am Köln Hauptbahnhof? Ein Schnäppchen.
Warum ist das besser als 2D-Pläne?
2D-Pläne sind wie ein Rezept ohne Bild. Sie wissen, dass Sie Mehl, Eier und Zucker brauchen - aber wie sieht der Kuchen aus? Wie schmeckt er? Ist er zu süß?
Bei einer virtuellen Begehung erkennen Bauherren Raumproportionen 73 Prozent genauer als mit 2D-Plänen. Entscheidungen werden 22 Tage schneller getroffen. Und Fehler? Laut Industry-of-Things (2023) verbessert VR die Fehlererkennung um 65 Prozent. Ein Beispiel: Beim Umbau des Köln Hauptbahnhofs wurden 17 Kollisionen zwischen Stahlträgern und Lüftungskanälen in der VR-Begehung entdeckt - und damit 220.000 Euro Nacharbeiten vermieden.
Im Vergleich dazu: Augmented Reality (AR) über Tablets wie das iPad Pro mit LiDAR ist günstiger - ab 1.099 Euro - aber nur 58 Prozent präzise bei räumlichen Einschätzungen. Das reicht für kleine Renovierungen, aber nicht für komplexe Neubauten.
Wann funktioniert es nicht?
Die Technik ist mächtig - aber nicht magisch. Sie versagt, wenn das Modell unvollständig ist. Wer ein altes Haus sanieren will und nur Laserscans mit LOD 100 hat, bekommt eine virtuelle Begehung - aber sie ist falsch. 41 Prozent der Nutzer auf Bausachverstaendiger.de berichten von „falschen Raumgefühlen“ bei Sanierungen, weil die Bestandsdaten nicht stimmen.
Auch zu lange Sitzungen sind ein Problem. Prof. Thomas Hauke von der TU Dresden warnt vor „VR-Blindheit“: Nach 45 Minuten sinkt die Fehlererkennungsrate um 28 Prozent. Die Augen müde, der Geist abgelenkt. Deshalb: max. 90 Minuten pro Session, mit Pausen.
Und dann ist da noch die Fragmentierung. 54 Prozent der Projekte leiden unter inkompatiblen BIM-Modellen. Der Architekt nutzt Revit, der Statiker Tekla, der Installateur Allplan - und die Dateien sprechen nicht miteinander. Das ist der größte Kritikpunkt: Kein Standard, kein Austausch. BuildingSMART arbeitet an der ISO 23387-3, die ab Q2/2024 Meta-Daten für VR-fähige Objekte verbindlich vorschreibt. Das wird die Lösung sein.
Wer nutzt es schon?
In Deutschland nutzen 68 Prozent der Architekturbüros mit mehr als 20 Mitarbeitern virtuelle Begehungen. Bei Kleinbetrieben mit weniger als fünf Mitarbeitern sind es nur 22 Prozent. Der Grund? Kosten. Eine VR-Station kostet 3.500 Euro - und das ist kein Kleingeld für einen Handwerker mit drei Angestellten. Die IHK München bestätigt: 61 Prozent der mittelständischen Unternehmen verzichten noch.
Die öffentliche Hand hingegen treibt die Entwicklung voran. Ab 2025 ist BIM für alle Bundesbauprojekte verpflichtend - und virtuelle Begehungen sind darin ein zentraler Teil. Die Bundesarchitektenkammer sagt klar: „Ein Muss für öffentliche Bauvorhaben ab 10 Millionen Euro.“
Der Markt wächst rasant. Der globale BIM-Software-Markt erreichte 2023 7,8 Milliarden US-Dollar - mit einer jährlichen Wachstumsrate von 14,7 Prozent bis 2028. Autodesk führt mit 38 Prozent Marktanteil, gefolgt von Nemetschek (29 Prozent) und Bentley Systems (18 Prozent).
Wie führen Sie eine virtuelle Begehung durch?
Es ist kein Spaziergang. Sie brauchen eine klare Struktur:
- Vorbereitung (3-5 Tage): BIM-Modell auf LOD 300 bringen, Zeitdaten einpflegen, Dateien in IFC konvertieren, VR-Software vorbereiten.
- Session vorbereiten: Maximal 200 MB pro Datei, um Abstürze zu vermeiden. HDRIs für realistisches Licht anpassen.
- Session durchführen (45-90 Minuten): Mindestens zwei Moderatoren: einer steuert die Technik, einer erklärt fachlich. Schulung: 80 Stunden zertifiziert durch BuildingSMART Deutschland.
- Dokumentation: Alle Anmerkungen direkt im Modell speichern - über Bimplus oder ähnliche Plattformen.
Profis sagen: „Immer mit Maßstab 1:1 arbeiten - Skalierungen verfälschen Proportionen.“ Und: „Prüfen Sie vorher die Herstellerdaten. Sonst sehen Sie eine Wand - aber nicht, ob sie aus Ziegel, Holz oder Beton ist.“
Was kommt als Nächstes?
Die Zukunft ist Mixed Reality. Microsoft HoloLens 3, das 2025 erscheint, wird digitale Modelle direkt auf die Baustelle projizieren. Sie tragen die Brille, schauen auf eine leere Fläche - und sehen, wo die Wand kommt, wo die Rohre laufen, wo die Steckdosen sitzen. Das ist nicht mehr virtuell. Das ist real - mit digitaler Überlagerung.
Und dann kommt KI. Hyperioncode hat im September 2023 eine Beta gestartet, die bei Kollisionen automatisch drei Lösungsvorschläge generiert. Statt „Das Rohr passt nicht“ sagt die Software: „Option A: Rohr nach oben verschieben. Option B: Wand dünner machen. Option C: Kanal umgeleiten.“
Die EU-Gebäudeeffizienzrichtlinie macht ab 2024 IoT-Sensoren verpflichtend - also Temperatur, Luftfeuchtigkeit, Lichtintensität - die direkt in den digitalen Zwilling fließen. Das Haus lernt mit, während es gebaut wird.
Laut Gartner wird die Zahl der Baureklamationen bis 2026 um 35 Prozent sinken - wenn die Technik richtig eingesetzt wird. Die TU Berlin sagt es klar: 89 Prozent der Bauherren, die einmal eine virtuelle Begehung gemacht haben, wollen nie wieder auf 2D-Pläne zurück.
Es ist kein Trend. Es ist die neue Normalität.
Was kostet eine virtuelle Begehung?
Die Hardware kostet mindestens 3.500 Euro für eine VR-Station (Brille + PC). Software-Lizenzen wie Autodesk BIM 360 starten bei 1.200 Euro pro Jahr. Hinzu kommen Schulungskosten für Moderatoren (80 Stunden). Für kleine Projekte lohnt sich die Anschaffung oft nicht - hier reicht AR über Tablets. Bei Projekten ab 5 Millionen Euro ist die Investition fast immer rentabel.
Brauche ich ein BIM-Modell für eine virtuelle Begehung?
Ja, unbedingt. Ohne ein BIM-Modell im LOD 300 ist die Begehung nutzlos. Sie brauchen nicht nur die Form der Wände, sondern auch Materialien, Abmessungen, Herstellerangaben und Zeitdaten. Ein reines 3D-Modell aus SketchUp reicht nicht - es fehlen die Daten, die für eine echte Entscheidungsgrundlage nötig sind.
Kann ich eine virtuelle Begehung mit meinem iPad machen?
Ja, aber nur begrenzt. Mit einem iPad Pro und LiDAR können Sie Augmented Reality nutzen - das heißt, das Modell wird auf die reale Umgebung projiziert. Das ist günstig und gut für kleine Renovierungen. Aber für räumliche Einschätzungen wie Raumhöhe, Türöffnungen oder Kollisionen ist die Genauigkeit mit 58 Prozent deutlich niedriger als bei VR (98,7 Prozent). Für Großprojekte ist AR kein Ersatz.
Wie lange dauert eine virtuelle Begehung?
Eine Session dauert typisch 45 bis 90 Minuten. Länger als 45 Minuten sinkt die Fehlererkennungsrate um 28 Prozent - das nennt man VR-Blindheit. Deshalb: kurze, fokussierte Sitzungen mit Pausen. Jeder Stakeholder bekommt seine eigene Session - Architekt, Bauherr, Installateur, Statiker - jeweils mit spezifischen Fragen.
Warum nutzen viele mittelständische Bauunternehmen die Technik nicht?
Hauptsächlich wegen der hohen Einstiegskosten. Eine VR-Station kostet 3.500 Euro, die Software jährlich 1.000-2.000 Euro, und die Schulung dauert 80 Stunden. Für ein kleines Unternehmen mit drei Mitarbeitern ist das eine große Investition, die sich erst bei größeren Projekten amortisiert. Die IHK München bestätigt: 61 Prozent der KMUs verzichten noch - aber das ändert sich, sobald öffentliche Aufträge BIM verlangen.
Was ist der größte Fehler bei virtuellen Begehungen?
Der größte Fehler ist, das Modell nicht auf LOD 300 vorzubereiten. Viele denken, ein schönes 3D-Bild reicht. Aber ohne Herstellerdaten, Materialien, Abmessungen und Zeitinformationen ist es nur eine Hülle. Sie sehen eine Wand - aber nicht, ob sie isoliert ist, ob sie Brandschutz erfüllt, ob sie mit einer bestimmten Dämmung gebaut werden muss. Das führt zu falschen Entscheidungen - und teuren Fehlern im Bau.
Wird die virtuelle Begehung bald Standard sein?
Ja. Ab 2025 ist BIM für alle Bundesbauprojekte verpflichtend - und virtuelle Begehungen sind ein zentraler Bestandteil. Die Bauherren wollen es, die Planer brauchen es, die Versicherungen fordern es. Gartner prognostiziert bis 2026 eine Reduktion der Baureklamationen um 35 Prozent. Wer jetzt nicht umsteigt, wird in drei Jahren hinterherhinken.