Stellen Sie sich vor, Sie gehen morgens aus dem Haus, und Ihre Elektroanlage ist genauso wie vor 40 Jahren - keine modernen Sicherungen, keine Fehlerstromschutzschalter, Kabel, die brüchig sind und Steckdosen, die nur noch mit Gewalt zu bedienen sind. Das klingt wie eine alte Geschichte? Tatsächlich ist das in Deutschland Alltag. Mehr als 38 Prozent aller Wohngebäude sind älter als 40 Jahre. Und viele davon haben Elektroanlagen, die nicht mehr sicher sind. Die Folge? Jedes Jahr entstehen durch defekte Elektrik mehr als 20.000 Wohnungsbrände in Deutschland. Über 60 Prozent davon lassen sich direkt auf veraltete Installationen zurückführen. Das ist kein Zufall. Das ist eine Zeitbombe, die jeder Hausbesitzer und Mieter kennen sollte.
Was ist ein E-Check wirklich?
Der E-Check ist keine freiwillige Extra-Leistung. Es ist die einzige anerkannte, normgerechte Prüfung für elektrische Anlagen in Wohnungen, die nach den VDE-Vorschriften durchgeführt wird. Er geht weit über eine schnelle Sichtprüfung hinaus. Ein qualifizierter Elektriker bringt Messgeräte mit, prüft den Isolationswiderstand, testet Fehlerstromschutzschalter (FI-Schalter), misst die Erdung und untersucht, ob alle Leitungen noch den heutigen Sicherheitsstandards entsprechen. Es geht nicht darum, alles neu zu machen - es geht darum, zu wissen, was kaputt ist, bevor es brennt.
Der E-Check wurde ursprünglich für Betriebe eingeführt, aber seit 1997 gilt er auch für private Haushalte. Und obwohl er für Eigentümer nicht gesetzlich vorgeschrieben ist, ist er in der Praxis unverzichtbar. Versicherungen verlangen ihn immer häufiger, und Vermieter haften rechtlich, wenn sie ihn ignorieren. Der Bundesgerichtshof hat 2022 entschieden: Wer eine defekte Elektroanlage nicht prüfen lässt, haftet bei einem Brand - selbst wenn der Mieter den Schaden verursacht hat.
Was wird beim E-Check genau geprüft?
Ein guter E-Check läuft in vier Schritten ab - und alle sind wichtig.
- Sichtprüfung: Der Elektriker schaut sich alle Steckdosen, Schalter, Lichtschalter, die Verteilerkasten und die Kabelverläufe an. Dabei achtet er besonders auf veraltete Materialien: alte Kunststoffummantelungen, die spröde geworden sind, oder Kabel, die durch Nagelbohrungen beschädigt wurden.
- Messungen: Mit speziellen Geräten wird der Isolationswiderstand gemessen - das zeigt, ob Strom aus den Leitungen „entweicht“. Dann wird die Schleifenimpedanz getestet, um zu prüfen, ob der Sicherungsautomat bei einem Kurzschluss schnell genug abschaltet. Und natürlich wird jeder FI-Schalter mit der Testtaste aktiviert. Funktioniert er nicht? Dann ist er nutzlos.
- Funktionsprüfung: Die RCDs (Fehlerstromschutzschalter) werden nicht nur getestet, sondern auch ihre Reaktionszeit gemessen. Ein guter FI-Schalter schaltet innerhalb von 30 Millisekunden ab. Ein alter oder defekter braucht länger - und das ist lebensgefährlich.
- Dokumentation: Am Ende bekommen Sie ein Prüfprotokoll, das alle Messwerte, gefundenen Mängel und Empfehlungen enthält. Dieses Papier ist Ihr Schutz - für die Versicherung, für den Mieter, für Ihre eigene Sicherheit.
Bei Gebäuden, die vor 1990 gebaut wurden, werden besonders drei Dinge kritisch geprüft: FI-Schutzschalter, Erdungsleitungen und Überspannungsschutz. In 63 Prozent der alten Wohnungen fehlt der FI-Schalter komplett. In 44 Prozent ist die Erdung defekt. Das bedeutet: Bei einem Leckstrom fließt der Strom nicht sicher in die Erde - sondern durch Sie.
Wie viel kostet ein E-Check?
Es gibt keinen festen Preis. Die Kosten hängen von der Größe der Wohnung, dem Alter der Anlage und dem Aufwand ab. Für eine kleine Wohnung mit 60 Quadratmetern zahlen Sie zwischen 150 und 250 Euro. In einem größeren Haus mit mehreren Etagen und einer komplexen Verteilung kann es bis zu 500 Euro kosten. Das klingt viel - aber im Vergleich zu einem Brand? Ein durchschnittlicher Wohnungsbrand kostet Versicherer über 40.000 Euro. Und das ist nur der direkte Schaden. Hinzu kommen Mietverluste, Umzugs- und Renovierungskosten - und das Trauma.
Einige Elektriker bieten günstige Pakete an, aber achten Sie darauf: Nur wer nach DGUV Vorschrift 3 zertifiziert ist, darf den E-Check ausstellen. Ein billiger Elektriker, der nur die Steckdosen anschaut, macht keinen E-Check - er macht eine Sichtprüfung. Und die zählt bei der Versicherung nicht.
Warum ist der E-Check bei alten Häusern so wichtig?
Ein Haus aus den 70er-Jahren hat oft noch einpolige Leitungen, keine Schutzkontaktsteckdosen, und der Verteilerkasten ist voller althergebrachter Sicherungen aus Ton oder Glas. Die Leitungen sind aus Kupfer, aber die Isolierung ist aus Textil oder alter Kunststoffmasse - sie bröckelt, wenn man sie anfasst. Die Erdung ist oft nur ein dünner Draht, der in den Keller führt - und dort ist er vielleicht schon durch Korrosion durchtrennt.
Die Studie der Fachzeitschrift „Elektropraxis“ aus 2023 hat es klar gezeigt: Bei Gebäuden über 30 Jahren wurden in 78,5 Prozent der Fälle kritische Mängel gefunden. Die häufigsten Probleme?
- Mangelnder oder defekter FI-Schutzschalter (63,2%)
- Veraltete Leitungsschutzschalter (51,7%)
- Defekte oder fehlende Erdungsleitungen (44,3%)
- Kein Überspannungsschutz für Fernseher, Computer oder Waschmaschine (38,1%)
Und das ist nur die Spitze des Eisbergs. Unter der Wand, hinter der Tapete, in der Decke - da liegen Kabel, die niemand gesehen hat. Sie sind beschädigt, aber der Strom fließt noch. Bis eines Tages ein Feuer entsteht - oft ohne Vorwarnung.
Was passiert, wenn Mängel gefunden werden?
Der E-Check sagt nicht: „Alles kaputt, neu machen!“ Er sagt: „Hier ist etwas gefährlich. Hier ist es noch in Ordnung.“
Wenn nur ein FI-Schalter fehlt, kann man ihn nachrüsten - oft ohne große Baustelle. Wenn die Erdung nicht stimmt, kann ein zusätzlicher Erdungspfad gelegt werden. Wenn die Leitungen in einer Wand beschädigt sind, kann man sie teilweise erneuern. Aber wenn die gesamte Anlage aus den 60er-Jahren stammt und überall Kabel bröckeln, dann ist eine komplette Sanierung nötig. Das ist teuer - aber es ist auch die einzige echte Sicherheit.
Einige Elektriker versuchen, Sie zu einem teuren Komplettumbau zu überreden. Das ist unprofessionell. Ein guter Elektriker zeigt Ihnen die Risiken auf, erklärt, was dringend ist und was noch warten kann. Und er gibt Ihnen ein Papier, das Sie in die Hand nehmen können - und das Sie mit anderen Experten besprechen können.
Wer muss den E-Check machen?
Wenn Sie Eigentümer sind: Sie sind verantwortlich. Wenn Sie vermieten: Sie sind verantwortlich. Die gesetzliche Verkehrssicherungspflicht nach § 535 BGB verlangt, dass die Mietwohnung „in einem zum vertragsgemäßen Gebrauch notwendigen Zustand“ ist - und das schließt elektrische Sicherheit ein. Wer das ignoriert, haftet. Der BGH hat das klar gesagt.
Wenn Sie Mieter sind: Sie können den Vermieter schriftlich auffordern, einen E-Check durchführen zu lassen. Wenn er sich weigert, können Sie sich an die Mietervereinigung oder die Verbraucherzentrale wenden. In vielen Fällen zahlen die Vermieter den E-Check selbst - denn er schützt sie vor Haftung.
Und wenn Sie Ihre eigene Wohnung kaufen? Dann fragen Sie nach dem letzten E-Check. Wenn keiner vorliegt - lassen Sie einen machen, bevor Sie unterschreiben. Ein E-Check ist Ihr bester Verhandlungspunkt.
Wie finde ich einen seriösen Anbieter?
Nicht jeder Elektriker kann einen E-Check durchführen. Nur wer die Zertifizierung nach DGUV Vorschrift 3 hat, darf das. Fragen Sie nach dem Prüfzertifikat. Schauen Sie auf die Website des Unternehmens - seriöse Anbieter nennen die Zertifizierungsstelle (z. B. TÜV, DEKRA, VDE) und zeigen die Gültigkeit an.
Lesen Sie Bewertungen. Auf Google haben viele seriöse Anbieter über 4,5 Sterne. Aber achten Sie auf Details: Wer schreibt „Der hat mir nur eine Rechnung gegeben“? Das ist kein E-Check. Wer schreibt „Er hat mir erklärt, was kaputt ist, und wie man es repariert“? Das ist der richtige Ansatz.
Einige große Anbieter wie „Electric Check GmbH“ nutzen heute Apps, um die Ergebnisse digital zu dokumentieren. Sie bekommen dann einen QR-Code, den Sie in Ihre Versicherungsunterlagen einfügen können. Das ist praktisch - aber nicht entscheidend. Wichtig ist die Qualität der Prüfung.
Was kommt als Nächstes?
Der Markt für E-Checks wächst. In den nächsten fünf Jahren werden 45 Prozent aller Wohngebäude in Deutschland älter als 40 Jahre sein. Das bedeutet: Die Zahl der gefährdeten Anlagen steigt. Die DGUV plant für 2024 eine Neufassung der Vorschrift - vielleicht wird der E-Check dann für Mietwohnungen alle fünf Jahre verpflichtend. Das wäre ein guter Schritt.
Und was können Sie jetzt tun? Ganz einfach:
- Prüfen Sie, wie alt Ihre Elektroanlage ist. Wenn sie vor 1990 installiert wurde, ist ein E-Check überfällig.
- Suchen Sie einen zertifizierten Elektriker - nicht den billigsten, nicht den lautesten, sondern den seriösen.
- Lassen Sie den E-Check machen - und behalten Sie das Protokoll.
- Wenn Mängel gefunden werden: Fragen Sie nach Prioritäten. Was muss jetzt, was kann später?
- Teilen Sie das Wissen: Sprechen Sie mit Nachbarn, Freunden, anderen Vermietern. Sicherheit ist keine Einzelangelegenheit.
Ein E-Check kostet ein paar hundert Euro. Ein Brand kostet alles - Ihre Wohnung, Ihre Möbel, Ihre Sicherheit, manchmal Ihr Leben. Es ist kein Luxus. Es ist eine Notwendigkeit. Und es ist der einfachste Weg, um sicherzugehen, dass Ihre Elektrik nicht Ihr größtes Risiko ist.